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Gefühle? - Muss das denn sein?

Gefühle? In unserer eher rational ausgerichteten Kultur ist es ungewöhnlich, Gefühle wahrzunehmen, zu zeigen oder gar zu äußern. Im Gegenteil: Gefühle werden meist nicht ernst genommen oder gar als wichtig angesehen. Eher geachtet und geschätzt wird "die richtige Art zu denken."
Das macht nicht einmal im Geschäftsleben und schon gar nicht im Privatleben viel Sinn. Denn wenn wir aus unseren Erfahrungen und Begegnungen die Gefühle ausklammern, ignorieren wir einen wesentlichen Teil unserer Persönlichkeit: Denken, Fühlen und Handeln gehören schließlich untrennbar zusammen.

In der Psychologie werden alle menschlichen Gefühle auf die vier Grundgefühle Freude, Trauer Wut und Angst zurückgeführt. Deren Varianten und Mischungen ergeben einen bunten, vielfältigen Gefühls-Reichstum, dessen Details vielen Menschen eher unbekannt sind. Das heißt, dass Sie im Konfliktfall vielleicht weder ausreichend Werkzeug haben, Ihre eigenen Gefühle noch die der Anderen richtig wahrzunehmen. Wer konstruktiv streiten will, muss aber zunächst lernen, in Konfliktsituationen den Blick zu schärfen und den Zusammenhang zwischen den Gefühlen und den darunter liegenden Bedürfnisse zu erkennen ausdrücken zu können.

Gefühle und Bedürfnisse erkennen

Sabine und Stefan leben seit sieben Jahren zusammen. In einer Woche wollen sie das mit Freunden feiern. Beide überlegen, wie sie den Abend gestalten und was es zu essen geben könnte. Stefan kennt es aus seiner Familie so, dass bei Festen reichlich aufgetischt wird. Das wünscht er sich auch heute noch. Sabine möchte wegen des Essens möglichst wenig Arbeit haben. Sie kommt gut mit kleinen Gerichten zurecht.
Die beiden können sich nicht einigen. Nach einer Weile kommt es zum Streit und Sabine brüllt ärgerlich: "Schon wieder so blöder Braten! Den kannst du alleine essen!"
Worauf Stefan erwidert: "Was ist denn mit dir los! Regst dich hier auf! Jetzt bleib doch mal sachlich!" Immer wenn wir uns ärgern, wütend sind usw. besteht die Gefahr, dass wir einen Fehler beim Gegenüber suchen. Wir verurteilen, machen Vorwürfe, konstatieren, dass er/sie etwas falsch gemacht hat oder Bestrafung verdient. Sabine und Stefan sind in ihre privaten "Waffenkammern" gegangen und greifen jeweils heftig das Universum des anderen an.
"Du machst mich wütend!" "Du bist Schuld, wenn aus dem Fest nichts wird!" "Du missachtest mich! "- so klingt es wahrscheinlich.

Diese Gedankenmuster trennen sie von ihren Bedürfnissen. Sie analysieren und verurteilen den anderen, anstatt ihre Aufmerksamkeit auf das zu richten, was sie selbst brauchen und nicht bekommen. Ein Ausweg aus dieser schwierigen Situation könnte sein, dass Stefan und Sabine aufhören, die Verantwortung für ihren Ärger dem jeweils anderen zuzuschreiben.

Für die eigenen Gefühle ist jeder selbst verantwortlich.

Das Verhalten anderer Menschen kann ein Auslöser für unsere Gefühle sein, die Ursache liegt jedoch in uns selber. Deshalb ist es hilfreich, die eigenen Gefühle als Signal verstehen zu lernen, und die Aufmerksamkeit auf die dahinterliegenden oftmals unerfüllten Bedürfnisse zu richten. Im Streitgespräch zwischen Stefan und Sabine gehen die Vorwürfe immer schneller hin und her. Um Tempo aus der Geschichte zu nehmen, könnte Stefan zum Beispiel sagen:
"Sag mal genau, wie es dir geht, wie dir ums Herz ist, was du brauchst - und ich werde versuchen, dir jetzt mal nur zuzuhören und all das zurückzustellen, was ich an Gram und Groll auf Lager habe. Das erwarte ich danach auch von dir." So kann jeder einmal mit seiner Sicht der Dinge zu Wort kommen. Die Wahrscheinlichkeit wächst, dass diese eigene Sicht vom anderen tatsächlich gehört wird, wenn jeder von sich spricht, bei sich bleibt und die eigenen Gefühle und Bedürfnisse vorwurfsfrei in Form von Ich-Botschaften mitteilt. Stefan könnte dann sagen:
"Ich bin wütend, weil ich mich unseren Gästen gegenüber großzügig zeigen möchte", und von Sabine heißt es vielleicht: "Ich bin sauer, weil ich den Abend genießen und nicht so viel Arbeit haben möchte."
Damit schaffen beide gute Voraussetzungen, um Lösungen zu finden, so dass aus dieser schwierigen Situation doch noch ein gelungenes Fest werden kann.

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"Wenn ich auch rhetorisch geschult und dialektisch trainiert wäre und hätte aber kein Herz für mein Gegenüber, kein Gefühl für mich selbst und kein Gespür für die Situation, in der wir uns begegnen, so bliebe doch alles nur Optimierung von Sprechblasen, ohne wirkliche menschliche Verbindung."

Friedemann Schulz von Thun
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